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Startseite Geschichte Schöneweide Aus der Ortschronik Niederschöneweides
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Aus der Ortschronik Niederschöneweides PDF Drucken E-Mail
Aus Chroniken und Dokumenten vergangener Jahre erfährt man immer wieder viel Interessantes und Wissenswertes, auch aus der Niederschöneweider Geschichte.
Da ist u. a. von einer Wirtschaftskarte die Rede, die sich in der damaligen Oberförsterei Grünau befand, und die einen Überblick gibt über die Geländeverhältnisse von 1879. Darin ist ablesbar, daß die neugeschaffene Landgemeinde Niederschöneweide anfänglich aus zwei nicht miteinander verbundenen Teilen bestand. Einen größeren westlichen und einen kleineren östlichen Teil. Dieses Kuriosum wurde erst ca. 20 Jahre später beseitigt. Es gingen 31 Hektar forstfiskalisches Gebiet, das zwischen beiden Ortsteilen lag, in den Gemeindebesitz über. Eine weitere Gebietserweiterung erhielt Niederschöneweide dann im Jahre 1904, als Teile des Königlichen Forstes, 109 ha südlich und 125 ha nördlich der Bahn zugewiesen wurden.
Wie waren die Verkehrsverbindungen? Versetzen wir uns vorerst einmal zurück in die Zeit um 1870. Der "Baumschulenweger Beobachter" aus dem Jahre 1939 - und ich betrachte diese Quelle wohl mit Abstand und aller notwendigen Distanz - schreibt dazu: "Auf einer schier endlosen Chaussee führte der Weg nach Niederschöne-weide. Zu beiden Seiten der Straße standen herrliche Silberpappeln, und wer sich dazu aufraffte (von Berlin aus), bis nach Niederschöneweide zu spazieren, der sollte diese Wanderung nicht bereuen, denn sie entbehrte keineswegs besonderer landschaft-licher Reize. Es war nicht einzusehen, weshalb die beiden Gemeinden später (gemeint sind Alt-Treptow und Niederschöneweide), so um 1880, nicht durch eine Straßenbahn verbunden werden sollten, denn inzwischen hatte Treptow von Berlin aus eine Verbindung erhalten. Doch der damalige Gemeindevorsteher von Treptow wollte keine Verlängerung der Bahn haben. Eine Begründung mutet uns heute etwas komisch an, wenn er meinte: "Wenn die Berliner bis nach Niederschöneweide fahren können, dann werden sie nicht mehr in Treptow ihr Geld ausgeben, sondern in Schöne-weider Lokalen Kaffee trinken." Die Schöneweider hatten also unter dieser Ansicht des Treptower Gemeindevorstehers zu leiden und blieben noch lange ohne Eisenbahnverbindung." (Im Straßenführer von 1914 ist vermerkt: eine Straßenbahnverbindung I Schlesischer Bahnhof - Bahnhof Cöpenick und eine Straßenbahnverbindung II Schlesischer Bahnhof - Bahnhof Oberspree.)
Zurück zum "Baumschulenweger Beobachter": "Die einzige Schnellverbindung nach Berlin war für die Bevölkerung zunächst die Görlitzer Bahn, wo alle zwei Stunden ein Pendelzug, genannt "Nuckelchen, verkehrte.Eine zweite Möglichkeit den Ort zu erreichen, wurde im Jahre 1866 durch die Einrichtung der Berliner Dampfschiffahrt gegeben.
Eine Fahrt auf dem Dampfschiff kostete fünfzig Pfennige, dauerte dafür aber auch stundenlang. In allen Gartenlokalen war an den Sommersonntagen großer Betrieb, und in den Abendstunden sah man in langen Ketten die Fuhrwerke auf der schönen Chaussee (gemeint ist die heutige Köpenicker Landstraße) gen Berlin heimfahren. Schon damals erlebte auch der Bahnhof Niederschöneweide (seit 1876) mitunter Rekordsonntage. So liegt eine Verkehrszählung aus dem Jahr 1893 vor. An den Schaltern wurden an einem Sonntag dieses Jahres 40 000 Fahrkarten verkauft. Dieser Rekord hat in den Erzählungen der Einwohner noch lange seien Niederschlag gefunden. Der Stationsvorsteher, so hieß es, mußte dauernd Züge einlegen lassen, und es dauerte bis zwei Uhr nachts, ehe der Berliner Niederschöneweide wieder verlassen hatte." Solche Zeitberichte sprechen ihre eigene Sprache und sie beleben das sonst nüchterne Bild der Entwicklung einer Gemeinde, eines Ortes bis in die heutige Zeit hinein.
Bis zum Jahre 1884 bestand keinerlei ständige Verbindung zwischen beiden Spreeufern auf der Strecke von Berlin bis Köpenick. Eine unregelmäßige Kahnverbindung hat wohl bestanden, doch die war nur wenigen Nutzern zugänglich. Erst im besagten Jahr 1884 richtete der Kreis Teltow eine Kettenfährverbindung ein. Bewilligt wurde diese vom Teltower Kreistag. Die Kettenfähre führte von Niederschöneweider Seite direkt nach "Wilhelminenhof" - so wurde das rechte Spreeufer, nach der Gattin des Gutsbesitzers, des Geheimen Oberfinanzrats Reinbeck, benannt. Als 1889 die Grundrentengesellschaft in Berlin und später auch die AEG, Teile des gegenüberliegenden Spreeufer also den im Kreis Niederbarnim gelegenen Wilhelminenhof – erwarben, genügte diese Fähre nicht mehr. Die Gesellschaft ließ 1891 eine Brücke bauen, deren Unterhalt sowohl Nieder- als auch Oberschöneweide oblag. Zuerst entstand eine Holzbrücke, die aber durch eine eiserne ersetzt und nach Ernst von Stubenrauch, dem Landrat des Kreises Teltow, "Stubenrauchbrücke" benannt wurde.
An die zweite Brücke , den "Kaisersteg", der ab 1897 von der Hasselwerderstraße über die Spree in die Laufener Straße führte, erinnert sich wohl noch so mancher ältere Niederschöneweider Bürger – und sei es nur aus den Erzählungen der Eltern und Großeltern.
Diese Brücke erfüllte nicht nur die Funktion des schnellen Zugangs zu den Betrieben der AEG auf der Köpenicker Seite, sie war auch ein echtes Schmuckstück.
Zwei Pfeiler, aus der Spree kommend, bildeten den Unterbau. Zwei wunderschön kunstgeschmiedete Träger bildeten den Aufbau. Motive, wie Sonne, Mond und Sterne auf der einen Seite, auf der anderen eine strahlende Glühlampe mit Wolke und Blitz, wurden verwendet. "Wenn die Arbeiter Feierabend hatten", so erinnert sich die heute 97jährige Frieda Dulat, und über die Brücke gingen, mußten sie aufpassen, daß sie nicht im Gleichschritt liefen, denn dann schwenkte die Brücke auf jeder Seite einen halben Meter aus." So wurde sie im Volksmund als "Schwindsuchtbrücke" bezeichnet - nicht nur wegen des "Ausschwenkens", sondern weil es wohl besonders zugig darauf war, und wie leicht hätte man sich da die Schwindsucht holen können.
Kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges sprengten die Nazis die Brücke, und so mancher alte Niederschöneweider träumt davon, sie wieder im neuen Glanz erstrahlen zu sehen. Es täte der alten und neuen Romantik von Niederschöneweide wohl gut und gäbe dem neuen Gesicht des Treptower Ortsteiles eine besondere, attraktive Note.
Als dritte Spree-Brücke entstand 1903 die "Treskowbrücke", ebenso noch im April 1945 von der SS gesprengt, aber in den 50iger Jahren wieder aufgebaut.
Karin Manke
Quelle: KietzNachrichten Schöneweide