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Startseite Geschichte Schöneweide Streiflichter aus der Ortsgeschichte von Oberschöneweide (Teil 2)
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Streiflichter aus der Ortsgeschichte von Oberschöneweide (Teil 2) PDF Drucken E-Mail
Interessantes vom "Quappenkrug" bzw. "Schloß Wilhelminenhof" In der vorhergehenden Seite erfuhren Sie schon etwas über die bisher erstbekannte Ansiedlung auf Oberschöneweider Gebiet: "Quappenkrug" vor ungefähr 300 Jahren. Besucher dieses Kruges waren wohl Fischer, Schiffer und Soldaten aus Cöpenick. Aus der Tax-Urkunde vom 8. 9. 1717 ist zu entnehmen, daß Äcker, Wiesen, 50 Kühe, 11 Stück Jungvieh, einige Schweine, Braugerät und Kessel einen Gesamtwert von 2 779 Reichsthalern haben. Am 26. 8. 1739 erhält der Kriegsrat und Bürgermeister von Berlin Jakob Ludwig Thiele den "Quappenkrug" mit "Hütungsgerechtigkeit in und neben den Königlichen Heiden (spätere Wuhlheide), Fischerei- und Kruggerechtigkeit, freie Holzungen, welches aber zuförderst von einem Forstbeamten muß angewiesen werden, ohne jedoch dafür das Geringste zu bezahlen." 1747 erläßt der preußische König Friedrich II. ein Edikt über die Pflicht des Anpflanzens von Maulbeerbäumen.
In Unterlagen des Staatsarchivs taucht für kurze Zeit als neuer Besitzer der Domänen- und Kriegsrat Johann Friedrich Pfeiffer auf, der später als Gründer von Friedrichshagen bekannt wurde. Pfeiffer wurde vom König gezwungen, auf seinem Anwesen "Quappenkrug" auch eine Maulbeerplantage anzulegen.
Es fehlten ihm aber dazu Kenntnisse und Erfahrungen. Außerdem mag weder Pflanzen noch den Seidenraupen das hiesige harte Klima bekommen sein. Er hatte keinen Erfolg, steckte außerdem in großen Schulden und wurde im November 1754 wegen umfangreicher Unterschlagungen arretiert und 1758 zu 6 Jahren Festungshaft unter Anrechnung der Untersuchungshaft verurteilt. Später reiste er quer durch Deutschland, war schriftstellerisch tätig und wurde 1782 Professor für Kameralistik in Mainz (veralt. für Finanzwirtschaft). Am 23. November 1793 kaufte ein "Doctoris Medicinal und Professorio" Christian Gottlieb Selle von Frau Oberförsterin Wittwe Harsleben deren Etablissement "Quappenkrug".
Dieser besteht, nunmehr repariert und ausgebaut, u.a. aus folgenden Teilen: Wohnhaus, Gärtner- und Pächterwohnung, diversen Ställen, Kegelhaus, Kegelbahn, Scheune, Abtritt, Wagenremise, Küchen- und Gartenwohnung, Gewächshaus, Bleichhaus. 8 Jahre später, am 7. Juli, erwarb wieder ein Geheimer Oberfinanz-, Kriegs- und Domänenrat Schulz das Gut. Genannt werden 2 Feuerstellen, 11 Bewohner und ein Hirte. Eingepfarrt war es nach Cöpenick.
1814 wird der Geheime Oberfinanzrat Johann Philipp Otto Reinbeck Besitzer des Forst- und Landgutes "Quappenkrug". Er ließ das alte Gutshaus schloßartig umbauen und holte sich vom König die Genehmigung, sein Eigentum "Wilhelminenhof" nennen zu dürfen, weil seine Frau den Vornamen Wilhelmine trug.
1827 ist im Hypothekenbuch des Justiz-Amtes Cöpenick über das "Gut Wilhelminenhof" u.a. folgendes verzeichnet: "Es liegt am rechten Ufer der Spree, wird gegen Mittag von der Spree, gegen Morgen von der Bunzelschen, gegen Abend von der Schmiedeckschen Bleichereibesitzung und gegen Mitternacht von der Königlichen Forst begrenzt und hat eine sehr angenehme Lage."Damals gab es weder die Wilhelminenhof-, noch die Reinbeckstraße, sondern wohl nur einen Sandweg, der die verschiedenen "Bleichen" miteinander verband, die alle an der Spree lagen. Ausführlicheres dazu in späteren Ausgaben. Letzter Besitzer war der Oberamtmann Oskar Abernethy, der das "Gut Wilhelminenhof" 1851 für 14 600 Thaler erwarb und 1890 für 1 ½ Millionen Mark an die Grundrentengesellschaft verkaufte. Diese parzellierte das gesamte Gelände, auf dem sich dann in den folgenden Jahren unser Ort Oberschöneweide aufbaute.
Vom "Wilhelminenhof" als Vergnügungsetablissement nach 1890 bis zum Abriß 1926 erfahren Sie demnächst.Unsere alten "echten" Oberschöneweider schwärmen heute noch von ihren damaligen Erlebnissen. Sie sollen dann zu Worte kommen.
Weil die Leute früher nichts von den einzelnen Besitzern des "Wilhelminenhofs" wußten, glaubten sie, daß folgende Sage wirklich echte Geschichte sei, weil sie es so in der Schule gelernt hatten (manche glauben es heute noch).

Vielleicht war es im Frühsommer 1742, als eines Tages Friedrich II. mit seiner Lieblingsschwester Wilhelmine, Markgräfin von Bayreuth, eine längere "Schiffsreise" aufwärts der Spree unternahm, um gleichzeitig die Gegend vor den Toren Berlins in Augenschein zu nehmen. Am frühen Nachmittag kam das königliche Schiff an unserer jetzigen Oberschöneweider Gegend vorüber. Im hellen Sonnenschein sah das Geschwisterpaar zwischen blühenden Obstbäumen und etlichen Weiden, Birken und dunklen Kiefern im Hintergrund den "Quappenkrug" liegen. "Oh, Fritz", rief Wilhelmine begeistert, "schau dort auf dem Dach die Fütterung der Storchenkinder!" "Wie im Bilderbuch", meinte trocken der Bruder. "Weißt du, in dieser zauberhaften Gegend könnte ich mir direkt ein kleines Sommerschlößchen vorstellen!" "Aber, ma chère grande soeur, in dieser Einsamkeit! So weit ab von Berlin? Da ziehe ich mir doch mein Potsdam mit Sanssouci vor!" "Gut, daß die Geschmäcker verschieden sind, Bruderherz!" meinte lachend Wilhelmine, "vergiß meinen impulsiv ausgesprochenen Wunsch!" Und schon sprachen sie über andere Dinge.

Doch der König hatte seine Schwester so gern, daß er bald heimlich an der Oberspree, in der Nähe des "Quappenkrugs", ein kleines Schlößchen bauen ließ, umgeben von einem hübschen Garten mit Fontäne. Bereits ein Jahr später übergab er Wilhelmine das Anwesen: "Hier, machère soeur, hast du deine erträumte Sommerresidenz. Sie soll ab sofort deinen Namen tragen: "Schloß Wilhelminenhof". Möge dieser kleine Besitz dir und deinen Lieben viel Gutes, Freude und Erholung schenken!"

W. Krause
Quelle: KietzNachrichten Schöneweide, 10.12.96